Die Raunächte sind die Tage zwischen der Wintersonnenwende und dem Dreikönigstag am 6. Januar im Westen. Üblicherweise fällt die Wintersonnenwende (die längste Nacht des Jahres) auf den 21. Dezember, und somit auf den Thomastag, weshalb sie auch als Thomasnacht bekannt ist. Abhängig vom kulturellen Brauchtum beginnen die Raunächte mit der Thomasnacht bzw. der Wintersonnenwende.
Die Raunächte als besondere Zeit
Im europäischen Brauchtum markieren die Raunächte eine besondere Zeit des Jahreswechsels. In verschiedenen Kulturen gelten diese Tage als außergewöhnlich, in denen Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden und die Grenzen zu anderen Welten verschwimmen. Historisch dienten diese dunklen Tage zwischen den Jahren als Anlass für Zusammenkünfte. Menschen versammelten sich um leuchtende Kamine oder brennende Kerzen, um gemeinsam zu basteln und sich teilweise auch schaurige Geschichten zu erzählen. Auch heute noch sind die Raunächte eine Zeit der Reflexion und des Wandels, weshalb auch das Weihnachtsfest als Familientreffen in diese Zeit fällt.
Viele nutzen diese Zeit zur Erholung und Regeneration. Für andere ist es eine Phase des Umbruchs und der Weichenstellung für die Zukunft, in der sie Einblicke gewinnen oder Entscheidungen treffen wollen. Alte Traditionen besagen, dass in diesen Nächten die Grundlagen für das kommende Jahr gelegt werden.
Raunächte und der Mondkalender
Die Raunächte haben vermutlich ihre Ursprünge im alten Mondkalendern, der zwölf Mondmonate mit zusammen 354 Tage umfassten. Um die fehlenden elf Tage im Sonnenkalender auszugleichen, fügten Germanen und Kelten diese zusätzlichen Tage bzw. 12 Nächte hinzu. Dieses Phänomen war Teil verschiedener regionaler Kalendersysteme, bevor der gregorianische Kalender eine einheitliche Zeitrechnung mit festen Daten einführte.
Raunächte Frau Holle, Frau Persch und das wilde
Im Volksglauben ähnelt diese Zeit, ähnlich der Mitternacht als Geisterstunde, einer Phase, in der es angeblich spukt und Geister, Gespenster, Dämonen oder Hexen sowie andere unheimliche Mächte aktiv sind. Ähnlich den dunklen Mächten der Untoten in „Game of Thrones“ durchstreift die „Wilde Jagd“ oder das „Wilde Heer“ während der Mittwinterzeit das Land. Alten Geschichten zufolge können auch Frau Perchte, Frau Holle oder Wotan in dieser Zeit aktiv sein. Es heißt, dass es sicherer ist, zu Hause zu bleiben und nicht vor die Tür zu gehen.
Raunächte und räuchern
Eine mögliche Herleitung des Begriffs „Raunächte“ könnte von den Räucherbräuchen in dieser Zeit stammen. Diese Tradition entstand durch das Ausräuchern von Räumen, insbesondere von Krankenzimmern und Ställen, mit Wacholderholz und Beeren, um Krankheiten vorzubeugen und böse Dämonen fernzuhalten, die laut altem Volksglauben während dieser Nächte Haus und Hof bedrohten. Bis heute ist das Räuchern Teil der Rituale, um Negativität zu vertreiben und das Haus vor dämonischen Einflüssen zu schützen.
Der Ursprung des Begriffs könnte auch von „rûch“ (mittelhochdeutsch für „haarig“) kommen, was möglicherweise auf mit Fell bekleidete Dämonen oder Rituale im Zusammenhang mit Nutztieren hindeutet. Diese Vorstellung spiegelt sich in den Perchtenläufen des Alpenraums wider. Zudem sollte das Erzeugen von Lärm, wie beispielsweise das Silvesterfeuerwerk, die bösen Geister fernhalten.
In beiden Traditionen, sowohl der chinesischen als auch der westlichen, ist das Zusammenkommen ein wichtiger Anlass. Sei es beim gemeinsamen Verzehr der Weihnachtsgans oder beim gemeinsamen Essen von Tang Yuan.“
Siehe den vorhergehenden Artikel „Dōng zhì 冬至:
„In der Jiangnan-Region (Süd-China) sind “汤圆tāng yuán” oder auch “dōng zhì yuán“ ein unverzichtbares Lebensmittel für den Winteranfang. „Tang“ ist eine Suppe bzw. dong zhi der Mitwinter und „yuan“ heißt „rund“. Yuan heißt aber auch „Vollkommenheit und Familienzusammenführung“. Somit ist Tangyuan eine Suppe zur Familienzusammenführung.“
von Gerd Wiesemann
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