Der Winter ist eine Zeit des Rückzugs, der Ruhe und der Vorbereitung – Themen, die sowohl im traditionellen chinesischen Kalender als auch in westlichen Bräuchen tief verankert sind.
Während die chinesischen Abschnitte Li Dong (Beginn des Winters), Xiao Xue (Kleiner Schnee) und Da Xue (Großer Schnee) die natürlichen Zyklen und Veränderungen der kalten Jahreszeit beschreiben, spiegeln westliche Traditionen wie der Martinstag, der Totensonntag, die Adventstage, der Nikolaustag, der Krampus und die Perchten ähnliche Symboliken wider. Gemeinsam erzählen sie von Schutz, Dunkelheit und Hoffnung auf Erneuerung.
Im chinesischen Kalender beginnt der Winter mit Li Dong, dem ersten Abschnitt, der um den 7. oder 8. November fällt. Mit sinkenden Temperaturen und kürzer werdenden Tagen tritt die Natur in eine Phase der Sammlung ein. Es ist der Start einer Jahreszeit, in der die Kräfte des yin‘s dominieren und die Natur scheinbar stillsteht, während sie sich auf die Herausforderungen des Winters vorbereitet.
15 Tage später folgt Xiao Xue, der „Kleine Schnee“. Dieser Abschnitt markiert die ersten leichten Schneefälle und den Beginn der sichtbaren Transformation der Landschaft. Die Kälte wird spürbarer, und die Natur zieht sich weiter zurück. In dieser Zeit setzt sich der Winter langsam durch, doch die großen Schneemengen und die tiefste Kälte lassen noch auf sich warten.
Mit Da Xue, dem „Großen Schnee“, das um den 6., 7. oder 8. Dezember beginnt, erreicht der Winter eine neue Intensität. Die Temperaturen können weiter sinken, der Schnee kann dichter und schwerer werden und die Natur scheint in einen immer tiefer werdenen Schlaf zu versinken. Doch dieser scheinbare Stillstand ist trügerisch: Unter der Schneedecke sammeln Pflanzen und Böden Energie, die später im Frühling freigesetzt wird. Der Schnee selbst schützt das Leben darunter vor extremer Kälte – eine schützende Decke, die der Natur hilft, durch die rauesten Tage zu kommen.
Im gleichen Zeitraum findet in westlichen Traditionen der Martinstag am 11. November, der Totensonntag Ende November und der Beginn der Adventszeit sowie der Nikolaustag am 6. Dezember statt. Diese Bräuche und Feiertage spiegeln viele der Themen wider, die auch im chinesischen Kalender durch die Abschnitte Li Dong, Xiao Xue und Da Xue betont werden: Schutz, Rückzug, Gemeinschaft und Hoffnung auf Erneuerung.
Der Martinstag am 11. November leitet symbolisch den Übergang in die dunklere Hälfte des Jahres ein. Die Laternenumzüge, die diesen Tag begleiten, bringen Licht in die zunehmende Dunkelheit. Der Heilige Martin steht für Großzügigkeit und Wärme. Gleichzeitig markiert der Martinstag das Ende der Erntezeit und den Beginn der ruhigeren Winterperiode. Diese Lichter und der Brauch des Teilens symbolisieren, wie Gemeinschaft und Solidarität helfen, die Herausforderungen der dunklen Jahreszeit zu meistern.
Später im Monat, kurz vor Beginn der Adventszeit, steht der Totensonntag als ein Tag der Besinnung und des Gedenkens an die Verstorbenen. In dieser Zeit, in der die Natur scheinbar stillsteht und sich zurückzieht, erinnert der Totensonntag an die Vergänglichkeit des Lebens. Doch er symbolisiert auch den ewigen Zyklus von Ende und Neubeginn – ähnlich wie in der Natur, wo die Ruhe des Winters die Vorbereitung für das kommende Leben im Frühling darstellt.
Mit dem ersten Advent beginnt eine Phase des Wartens und der Hoffnung. Die Adventszeit, die traditionell mit Kerzenlicht und besinnlichen Momenten gefeiert wird, bringt schrittweise Licht in die dunkelste Zeit des Jahres. Jede entzündete Kerze auf dem Adventskranz symbolisiert das langsame Wiederkehren des Lichts. Während die Tage kürzer und die Nächte länger sind, verkörpert der Advent die Vorfreude auf das kommende Weihnachtsfest und erinnert daran, dass nach der tiefsten Dunkelheit immer wieder Licht und Wärme zurückkehren.
Der Nikolaustag am 6. Dezember bringt zusätzliche Wärme und Fürsorge in die Adventszeit. Der Heilige Nikolaus, bekannt als Schutzpatron der Kinder und Bedürftigen, steht für Großzügigkeit und Licht. Der Brauch, Kindern kleine Geschenke oder Süßigkeiten zu geben, unterstreicht den Gedanken von Mitgefühl und Unterstützung, der in dieser Jahreszeit so zentral ist.
Doch der Nikolaus wird oft von der düsteren Figur des Krampus begleitet, im Rheinland und der Eifel auch als Hans Muff und Knecht Ruprecht bekannt, der das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse (yin und yang) symbolisiert. Während Nikolaus für Licht und Güte steht, erinnert der Krampus daran, dass Dunkelheit und Chaos ebenso Teil des Lebens sind und gezähmt werden müssen.
In den Alpenregionen treten zusätzlich Winterdämonen, die Perchten auf, die vor allem in den Raunächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag bekannt sind. Die Schönperchten bringen Glück und Wohlstand, während die Schiachperchen das Chaos vertreiben und böse Geister bannen. Diese Bräuche betonen den Wechsel zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Ordnung und Chaos. Sie spiegeln den natürlichen Rhythmus der Winterzeit wider, der von Rückzug und Vorbereitung geprägt ist.
Auch in westlichen Traditionen spielt der Schnee eine bedeutende Rolle. Er wird oft als Symbol für Reinheit, Klarheit und Schutz verstanden. Wie im chinesischen Kalender, wo er in den Abschnitten Xiao Xue und Da Xue das Leben unter der Oberfläche bewahrt, ist der Schnee in westlichen Mythen ein Zeichen für Ruhe und den Neubeginn. Besonders in den Raunächten steht er für die Reinigung und das Loslassen des Alten, um Platz für das Neue zu schaffen.
Diese westlichen Bräuche teilen mit den chinesischen Winterabschnitten die Botschaft, dass der Winter nicht nur eine Phase des Rückzugs, sondern auch eine Zeit der Vorbereitung und der Hoffnung ist. Licht und Dunkelheit, Gemeinschaft und Rückzug, Chaos und Ordnung – diese Themen verbinden sowohl die Natur als auch menschliche Traditionen und erinnern uns daran, dass selbst in der tiefsten Dunkelheit immer das Versprechen eines neuen Anfangs liegt.
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