Dōng zhì 冬至- Wintersonnenwende

In ein paar Tagen, am 21. Dezember 2024, beginnt Dōng zhì (冬至), der Tag der Wintersonnenwende und zugleich der Auftakt einer gleichnamigen 14-tägigen Phase, die bis zum 5. Januar dauert. Dōng zhì markiert den 22. Abschnitt des chinesischen Sonnenkalenders und liegt zwischen dà xuě (大雪 – Großer Schnee) und xiǎo hán (小寒 – Kleine Kälte).“

An diesem Tag erleben wir den kürzesten Tag und die längste Nacht des Jahres. In Deutschland beginnt der Tag beispielsweise um 8:30 Uhr und endet um 16:30 Uhr, was nur acht Stunden Tageslicht bedeutet.

Zu dieser Zeit steht die Sonne 23,5 Grad südlich des Himmelsäquators, da die Erdachse um 23°27′ gegenüber der Ebene der Erdbahn geneigt ist. Diese Neigung wird als Deklination bezeichnet. Nach der Wintersonnenwende beginnt sich der Sonnenwinkel allmählich zu ändern, was zu längeren Tagen und einem Wiederanstieg des Yang führt, obwohl es sich noch tief in der Erde verbirgt. Dieser Prozess erfolgt jedoch langsam: Es dauert Tage oder Wochen, bis wir eine merkliche Zunahme der Tageslänge wahrnehmen.

Die Wintersonnenwende markiert den yin-reichsten Tag des Jahres und einen Wendepunkt im Jahreszyklus. Nach diesem Tag gewinnt die Sonne allmählich wieder an Höhe, das Yang wächst, und die Tage werden länger. In der Antike galt die Wintersonnenwende als ein besonders glückverheißender Tag. Es heißt, die Feierlichkeiten zur Wintersonnenwende seien in ihrer Bedeutung mit dem Frühlingsbeginn und dem Neujahrsfest vergleichbar gewesen. Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Dōng zhì dà rú nián (冬至大如年)“ – „Die Wintersonnenwende ist so groß wie das Neujahrsfest“.

Historische und kulturelle Bedeutung

Während der Han-Dynastie (202 v. Chr. – 220 n. Chr.) war die Wintersonnenwende ein zentraler Feiertag. Die Herrscher zogen sich vor und nach diesem Tag zurück, und es gab keine offiziellen Aktivitäten. Die Menschen feierten mit ihren Familien, ehrten ihre Vorfahren und hielten Zeremonien ab, die denen des Neujahrsfests ähnelten.

In der Antike galt die Wintersonnenwende auch als „岁首“ (Suìshǒu) – den Jahresbeginn. Dies lag daran, dass der elfte Monat des Mondkalenders einst als erster Monat galt und die Wintersonnenwende den Beginn des Jahreszyklus markierte. Dieser Bedeutung entsprechend fanden große Zeremonien wie 贺冬“ (Hèdōng) statt, bei denen Opfergaben dargebracht wurden. Selbst Kaiser unterbrachen ihre Amtsgeschäfte, um das Ereignis zu feiern und der Natur für den bevorstehenden Frühling zu danken.

Übergang zur Bedeutung des Neujahrsfests

Später verloren diese Traditionen an Bedeutung, als das Neujahrsfest (Chinesisches Neujahr) als Hauptfeier für den Beginn eines neuen Jahres etabliert wurde. Elemente des Wintersonnenwenden-Fests gingen jedoch in die Neujahrsfeierlichkeiten über.

Kulinarische Traditionen

In Südchina

  • In der Jiangnan-Region ist das Essen von tāng yuán (汤圆), auch „dōng zhì yuán“ genannt, ein unverzichtbarer Brauch. „Tang“ steht für Suppe, „Yuan“ für Rundheit, Vollkommenheit und Familienzusammenführung. Das Essen von Tangyuan, einer süßen Suppe mit Klebreisbällchen, symbolisiert Einheit und den Abschluss eines Jahreszyklus. Es heißt, dass man durch das Essen von Tangyuan ein Jahr älter wird.
  • In Suzhou trinkt man dōng niàng jiǒ (冬酿酒), einen speziellen Winterwein aus Klebreis oder gelbem Reis, der mit Osmanthusblüten gebraut wird.
  • In einigen Regionen genießt man Ingwerreis oder süße Süßkartoffelsuppen mit Reiswein, um den Körper zu stärken und zu wärmen.

In Nordchina

  • Es ist Tradition, jiǎo zǐ (饺子) zu essen, also Dumplings oder Teigtaschen. Ihre Form erinnert an Ohren, und es gibt ein Sprichwort: „Wer am Tag des Winteranfangs keinen Jiaozi-Teller auf den Tisch stellt, dem werden die Ohren einfrieren, und keiner wird sich darum kümmern.“
  • Der Brauch geht angeblich auf den Arzt Zhang Zhongjing zurück, der Jiaozi mit einer Mischung aus Lammfleisch und Kräutern füllte, um die Menschen zu wärmen und vor der Kälte zu schützen.
  • Eine weitere beliebte Speise sind 馄饨 (Huntun/Wonton), deren Name auf die 混沌“ (Hundùn) – die Ursuppe oder das Chaos in der chinesischen Mythologie – anspielt. Durch das Essen von Huntun wird symbolisch der Ursprung des Universums und der Beginn eines neuen Zyklus geehrt. Bereits in der Tang-Dynastie waren Huntun ein fester Bestandteil der Feierlichkeiten, wie aus historischen Dokumenten hervorgeht.

Im antiken China war es auch üblich, zur Wintersonnenwende bestimmte Opfergaben wie frische Ernten oder speziell zubereitete Speisen für Ahnen und Götter darzubringen. Diese Traditionen waren Ausdruck von Dankbarkeit und Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Symbolik und Natur

Dōng zhì markiert den Wendepunkt der Natur, an dem das Yin seinen Höhepunkt erreicht hat und das Yang allmählich wieder an Kraft gewinnt. Es ist eine Zeit der Einkehr, Besinnung und Erneuerung.

Neben den kulinarischen Bräuchen waren auch symbolische Handlungen wie die Darstellung der „九九消寒图“ (Neun-Neun-Kälte-Verschwinden-Bilder) verbreitet. Diese Illustrationen dienten dazu, die kalte Jahreszeit zu überbrücken und die Rückkehr des Frühlings visuell greifbar zu machen.

In der Volksweisheit sollen Klebereis und Rote Bohnen dazu dienen, böse Geister, Epidemien und Unglück fernzuhalten. So verbinden sich kulinarische, spirituelle und symbolische Elemente zu einem ganzheitlichen Fest, das sowohl die Kälte vertreibt als auch das kommende Licht willkommen heißt.

von Gerd Wiesemann

weitere Artikel lesen

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Sino-German TCM Academy

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen