Der Beginn des Frühlings und das Erwachen der Lebenskraft
Am 3. Februar 2025 endete mit Dàhán (大寒), der „großen Kälte“, die kälteste Winterzeit, und der Frühling begann nach dem traditionellen chinesischen Kalender mit Lìchūn (立春). Dieser Tag markierte den Wechsel vom ruhigen, speichernden Yīn (阴) zur aufsteigenden Yángqì (阳气).
Am 3. Februar um 14:10 Uhr chinesischer Standardzeit (CST), entsprechend 7:10 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ), begann offiziell der Frühling und mit ihm der erste der 24 Jahresabschnitte (Jiéqì, 节气) im traditionellen Kalender. Die genaue Zeit von Lìchūn variiert jedes Jahr leicht, da sie astronomisch anhand der Sonnenposition berechnet wird. Während der Frühling im westlichen Kalender erst mit der Tagundnachtgleiche im März beginnt, folgt der chinesische Kalender stärker den natürlichen Rhythmen der Erde.
Diese Zeit markiert den Neubeginn und das Erwachen der Natur. Die kühle, ruhige Yīn-Energie zieht sich allmählich zurück, während das Yángqì weiter ansteigt und sich zunehmend bemerkbar macht. Die Tage werden merklich länger, Zugvögel sind wieder unterwegs, und in der Erde entfaltet sich neues Leben. Auch wenn in vielen Regionen noch Frost auf den Feldern liegt, ist der Wandel bereits spürbar – nicht nur in der Natur, sondern auch in unserem Körper und Geist.
Frühlingsboten in der Natur
Mit dem Frühlingsbeginn kehren auch die ersten Zugvögel zurück, und jeden Tag halten wir Ausschau nach ihnen. Schneegänse und Kraniche ziehen in ihrer markanten V-Formation nach Norden – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die kalten Tage gezählt sind und der Frühling näher rückt. In China, anderen Teilen Asiens und Europa gelten diese Vögel als Vorboten der neuen Jahreszeit, wobei in Europa zusätzlich Stare und Schwalben diese Rolle übernehmen.
Auch wenn die Tage nun spürbar länger werden, kann es um die Karnevalszeit herum noch kalt sein. Doch die Zeichen des Frühlings sind unübersehbar: Schneeglöckchen blühen bereits, Krokusse, Winterlinge und Märzenbecher setzen erste Farbtupfer in die noch winterliche Landschaft. In China sind neben den Weidenkätzchen vor allem die Pflaumenblüten (Méihuā, 梅花) und frühen Kirschblüten wichtige Symbole für den Frühlingsbeginn. Bald wird auch das fröhliche Zwitschern der Vögel lauter – ein weiteres sicheres Zeichen dafür, dass die wärmenden Sonnenstrahlen nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Frühling und der blaugrüne Drache
Mit dem Frühling erwacht auch Qīng Lóng (青龙), der blaugrüne Drache. Er streckt sich aus seiner winterlichen Ruhe, entfaltet seine Flügel und beginnt seinen Aufstieg in den Himmel.
Als eine der ursprünglichen Gottheiten der Himmelsrichtungen symbolisiert er die Jahreszeit des Frühlings, die Wandlungsphase Holz (木) und die Ausrichtung nach Osten (东). Während des Winters ruht er in den tiefen Wassern, doch mit dem Frühlingsbeginn erhebt er sich, um die aufsteigende Energie der neuen Jahreszeit zu begleiten.
Der Drache steht für den Frühling, in dem das Yángqì (阳气) kraftvoll ansteigt. Sein Erwachen bringt Donnergrollen, Blitze und die ersten Frühlingsstürme, die das alte Jahr hinwegfegen und Platz für das Neue schaffen. Die Natur folgt seinem Ruf: Tiere, die den Winter in ihren Verstecken verbracht haben, werden aktiv, öffnen ihre Behausungen und treten hervor. Pflanzen durchbrechen die Erde, Knospen schwellen an, und das Leben beginnt erneut zu sprießen.
Qīng Lóng ist nicht nur ein Symbol der Naturkräfte, sondern auch ein Spiegel für innere Erneuerung. Er verkörpert Licht, Kraft und aufsteigende Energie. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist der Frühling mit der Leber (肝, Gān) verbunden – dem Organ, das den freien Fluss von Qì (气) und Blut steuert. So wie der Drache sich erhebt, um die neue Jahreszeit einzuleiten, sollte auch der Mensch diese Phase der Erneuerung nutzen, um Blockaden zu lösen, Altes hinter sich zu lassen und mit frischer Energie nach vorne zu blicken.
Symbolisch steht der Drache für Neuentstehung, Wiedergeburt und Wachstum, für das Erwachen und Erblühen – nicht nur in der Natur, sondern auch in uns selbst. Sein Aufstieg erinnert uns daran, dass jetzt die Zeit ist, neue Wege zu beschreiten, frische Ideen zu verwirklichen und den eigenen Geist für neue Möglichkeiten zu öffnen.
Lìchūn – Der Frühlingsbeginn im chinesischen Kalender
Während im westlichen Kalender der Frühling erst mit der Frühlings-Tagundnachtgleiche (Chūnfēn, 春分) um den 20. März beginnt – dem Zeitpunkt, an dem Tag und Nacht gleich lang sind –, richtet sich der traditionelle chinesische Bauernkalender stärker nach den natürlichen Veränderungen in der Umwelt. Daher beginnt der Frühling hier bereits mit Lìchūn (立春) am 3. Februar 2025.
Dieser Zeitraum erstreckt sich über 15 Tage und ist in drei Abschnitte unterteilt, die den fortschreitenden Wandel der Natur widerspiegeln:
- Dōng fēng jiě dòng (东风解冻) – Der Ostwind bringt mildere Temperaturen, und das Eis beginnt zu schmelzen.
- Zhé chóng shǐ zhèn (蛰虫始振) – Insekten, die sich über den Winter verborgen hielten, werden langsam aktiv.
- Yú shàng bīng (鱼上冰) – Die Fische tauchen in den nun eisfreien Gewässern auf.
Obwohl Lìchūn den Frühlingsbeginn markiert, können die Temperaturen noch winterlich sein. Schneefälle, Frost und eisige Winde zeigen, dass der Winter sich nicht kampflos zurückzieht. Doch die Zeichen des Wandels sind unübersehbar – die Tage werden länger, das Licht intensiver, und allmählich setzt sich die aufsteigende Energie des Frühlings durch.
Frühlingsfest / Chinesisches Neujahrsfest (Chūnjié, 春节)
Während Lìchūn (立春) den Frühlingsbeginn nach dem Sonnenkalender markiert, richtet sich das Chinesische Neujahrsfest (Chūnjié, 春节) nach dem Mondkalender. Im Jahr 2025 fällt der Neujahrstag auf den 29. Januar und leitet das Jahr der Holz-Schlange (乙巳, Yǐ Sì) ein. Die Feierlichkeiten dauern 15 Tage und enden mit dem Laternenfest (元宵节, Yuánxiāo Jié), das den offiziellen Abschluss der Neujahrszeit bildet.
Das Chinesische Neujahr ist das wichtigste und bedeutendste Fest in China und vielen anderen ostasiatischen Kulturen. Es symbolisiert den Übergang in einen neuen Jahreszyklus und wird mit zahlreichen Ritualen, Familienzusammenkünften und Feierlichkeiten begangen. Traditionell reinigen die Menschen ihre Häuser, um sich von altem Unglück zu befreien, schmücken ihre Türen mit Glückssymbolen und begrüßen das neue Jahr mit festlichen Speisen, Feuerwerk und dem berühmten Löwentanz.
Mehr über die Traditionen, Bräuche und spirituellen Hintergründe des Frühlingsfestes findest du im ausführlichen Artikel zum Chinesischen Neujahrsfest (Chūnjié, 春节).
Ernährung im Frühling – Nahrung für die Leber
Der Frühling ist die Jahreszeit der Wandlungsphase Holz (木) und steht in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) in enger Verbindung mit der Leber (肝, Gān) und der Gallenblase (胆, Dǎn). Diese Organe spielen eine zentrale Rolle bei der Regulation des Qì-Flusses (气) und der Blutzirkulation. Damit das aufsteigende Yángqì (阳气) harmonisch wachsen kann, sollte die Ernährung im Frühling leicht, belebend und anregend für die Leber sein.
Im Frühling beginnt das Yáng zu steigen, die Natur erwacht, und der Körper möchte sich erneuern. Die Leber, als zentrales Organ dieser Jahreszeit, benötigt nun Nahrung, die sie dabei unterstützt, ihre Funktionen optimal auszuführen. Eine Ernährung, die reich an frischem Grün ist, hilft ihr dabei, das Blut zu nähren und den Körper von den schweren Energien des Winters zu befreien. Besonders grünes Gemüse wie Spinat, Brokkoli oder Sprossen fördert diesen Prozess, da es den aufsteigenden Charakter des Frühlings in sich trägt. Bittere Pflanzen wie Chicorée können helfen, überschüssige Hitze auszuleiten und die reinigende Funktion der Leber zu unterstützen.
Neben Gemüse spielen auch Eiweiße eine wichtige Rolle. Hühnchen, Rind, Kalb und Schweinefleisch sind besonders geeignet, um das Blut und das Yīn der Leber zu nähren, während Eier eine kräftigende Wirkung haben. Diese Nahrungsmittel sollten jedoch in Maßen genossen werden, da eine zu schwere Ernährung das aufsteigende Yáng behindern kann. Ebenso wichtig sind Früchte wie Goji-Beeren, Maulbeeren, Datteln, Aprikosen oder Quitten, die nicht nur den süß-sauren Geschmack in die Ernährung bringen, sondern auch das Blut nähren und die Leber in ihrer Funktion unterstützen.
Gewürze und Kräuter können in dieser Jahreszeit ebenfalls eine wertvolle Unterstützung sein. Frischer Ingwer, Frühlingszwiebeln, Koriander, Knoblauch und Bärlauch wirken wärmend und fördern die Zirkulation von Qì und Blut. Sie helfen dabei, die noch vorhandene winterliche Kälte aus dem Körper zu vertreiben und den Energiefluss zu stimulieren. Auch Basilikum, Dill, Fenchel oder Lorbeerblätter haben eine stärkende Wirkung auf die Verdauung und können die energetische Bewegung der Leber harmonisieren.
Da der Frühling für Aufbruch und Neubeginn steht, ist es wichtig, den Körper nicht mit schweren, schwer verdaulichen Speisen zu belasten. Leicht verdauliche Kohlenhydrate wie Weizen oder Kartoffeln sind eine gute Wahl, um den Körper mit Energie zu versorgen, ohne ihn zu beschweren. Auch Artemisia-Pflanzen wie Ai Hao, Qing Hao, Yin Chen Hao und Tong Hao finden in der TCM häufig Anwendung, um die Leber zu klären und überschüssige Hitze aus dem Körper zu leiten.
Insgesamt sollte die Ernährung im Frühling leicht und bekömmlich sein, um die aufsteigende Energie nicht zu blockieren. Frische, grüne und leicht saure Lebensmittel helfen, die Leber zu unterstützen und die natürliche Bewegung des Frühlings in den Körper zu integrieren. Wenn der Drache des Frühlings sich erhebt, sollte auch der Mensch diesen Wandel begleiten – mit einer Ernährung, die ihn auf seinem Weg stärkt und nährt.
Verhalten im Frühling – Im Einklang mit der aufsteigenden Energie
Nach der Ruhe und Zurückgezogenheit des Winters beginnt mit dem Frühling eine Phase der Erneuerung und Aktivität. Die Tage werden länger, das Licht kehrt zurück, und mit ihm erwacht auch unser natürlicher Bewegungsdrang. Doch der Übergang sollte sanft erfolgen, da wir uns noch vor der Tagundnachtgleiche (春分, Chūnfēn) befinden. Obwohl das Yáng nun allmählich ansteigt, braucht der Körper Zeit, um sich auf die veränderten äußeren Bedingungen einzustellen.
Im Winter waren Schlaf, Ruhe und Regeneration besonders wichtig. Jetzt ist es an der Zeit, sich wieder mehr nach außen zu orientieren. Mit dem früheren Sonnenaufgang kann auch der eigene Tagesbeginn nach vorne verlegt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir überstürzt handeln oder den Körper überfordern sollten. Laut der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und dem Huángdì Nèijīng (黄帝内经) sollte sportliche Betätigung im Frühling moderat und angepasst sein. Zu intensive Aktivitäten können den noch empfindlichen Energiefluss stören, weshalb es sinnvoll ist, sanfte Bewegungsformen wie Qigong, Tai Chi oder Spaziergänge an der frischen Luft in den Tagesablauf zu integrieren.
Das Nèijīng beschreibt den Frühling als eine Zeit des Neubeginns und der Entfaltung:
„Die drei Monate des Frühlings bedeuten das Aufbrechen des Alten, um Neues zu schaffen. Himmel und Erde erzeugen gemeinsam Leben, und die Zehntausend Dinge beginnen zu blühen.“
Diese natürliche Bewegung des Lebens sollten wir auch in unserem Alltag widerspiegeln. Während der Frühling voranschreitet und sich die Temperaturen weiter erwärmen, empfiehlt das Nèijīng, die Aktivität langsam zu steigern:
„Wenn wir uns der Frühlings-Tagundnachtgleiche nähern und es deutlich wärmer und heller wird, ist es ratsam, später am Abend ins Bett zu gehen und auch früher aufzustehen.“
Nach dem Aufwachen sollten wir dem Körper Gelegenheit geben, sich zu dehnen und zu öffnen. Ein morgendlicher Spaziergang im Freien kann helfen, die Energie zum Fließen zu bringen, während das Lösen der Haare und das sanfte Entspannen des Körpers ein Zeichen für innere Befreiung und Anpassung an die neue Jahreszeit ist. Die Natur blüht auf – und wir sollten diesem Rhythmus folgen, indem wir uns geistig und körperlich auf Veränderung und Wachstum ausrichten.
Der Frühling ist eine Zeit des Wandels, in der nicht nur die Natur, sondern auch unser Inneres in Bewegung kommt. Indem wir bewusst mit diesem Energieanstieg arbeiten, ihn aber nicht erzwingen, schaffen wir eine stabile Basis für die kommenden Monate.
Zusammenfassung
Mit Lìchūn beginnt ein neuer Abschnitt im Jahreszyklus – eine Zeit des Erwachens, der Bewegung und des Neubeginns. Auch wenn der Winter sich noch nicht vollständig zurückgezogen hat, wird das Licht stärker, die Natur regt sich, und die aufsteigende Energie des Frühlings ist spürbar.
Wie die ersten Knospen, die durch die Erde brechen, oder der Qīng Lóng, der sich aus seinem Winterschlaf erhebt, lädt uns der Frühling ein, Altes loszulassen und Neues zu wagen. Es ist die Zeit des Wachstums, in der sich nicht nur die Natur entfaltet, sondern auch wir selbst die Gelegenheit haben, Pläne zu schmieden und unsere Energie auf das Kommende auszurichten.
„一年之计在于春“ (Yī nián zhī jì zài yú chūn) – „Der Plan für das ganze Jahr wird im Frühling gemacht.“ Dieses alte Sprichwort erinnert uns daran, dass jetzt der Moment ist, die Weichen für das Jahr zu stellen – mit Klarheit, Tatkraft und der Bereitschaft, den Wandel anzunehmen.
von Gerd Wiesemann
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