Am 5. oder 6. März beginnt der dritte Solarabschnitt des chinesischen Kalenders, bekannt als Jīngzhé – das Erwachen der Insekten. Mit jedem Tag steigt die Temperatur auf durchschnittlich 10-15°C, und der Frühling breitet sich weiter aus. Die Natur erwacht, Pflanzen treiben aus, Tiere und Insekten kommen aus ihren Winterverstecken hervor.
Im Jahr 2025 beginnt Jīngzhé am 5. März. Diese Zeitangabe gilt spezifisch für das Jahr 2025, da sich das Datum und die Uhrzeit von Jahr zu Jahr leicht verschieben können.
Während sich der Frühling in den südlichen Regionen bereits gefestigt hat, hält sich im Norden noch eine gewisse Kühle, doch die Zeichen des Frühlings werden auch dort immer deutlicher sichtbar.
Der Straßenkarneval ist in vollem Gange und erreicht mit dem Frühlingserwachen (Insektenerwachen) seinen Höhepunkt – passend zur aktuellen Wärmewelle, die den Jecken mildes Wetter beschert. Doch schon nächste Woche soll es wieder kälter werden, sodass das frühlingshafte Karnevalsvergnügen nur von kurzer Dauer ist. Doch egal, wo man sich befindet – die Zeichen sind unverkennbar: erste Blüten an den Bäumen, das Summen der Bienen, das Zwitschern der Vögel. Der Winter zieht sich endgültig zurück. Die Tage sind nun spürbar länger, die Sonne steht höher am Himmel, und das Yang-Qi nimmt zu. Doch die kalten Nächte mahnen noch zur Vorsicht, denn der Boden speichert die Kälte des Winters.
Mit Jīngzhé rückt auch die Frühlings-Tagundnachtgleiche in greifbare Nähe. Nur noch 15 Tage bis zum 20. März, dann erreicht der Frühling seinen Höhepunkt. Die steigenden Temperaturen verleiten dazu, sich leichter zu kleiden, doch die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht bleiben tückisch. Es ist die Zeit, in der man tagsüber in der warmen Sonne schwitzt und sich in der Abendkälte schnell eine Erkältung einfängt. Die Haut, die sich während des Winters zusammengezogen hatte, beginnt sich wieder zu öffnen, doch das Wei-Qi, die schützende Energie des Körpers, ist noch nicht vollständig an der Oberfläche angekommen.
Die Ankunft des Frühlings
Mit Jīngzhé erreicht der Frühling eine neue Phase. Die Natur, die sich zunächst vorsichtig aus der winterlichen Starre gelöst hat, entfaltet sich nun mit größerer Kraft. Während sich im Süden die Landschaft bereits in ein frisches Grün taucht, steigen auch in den nördlichen Regionen die Temperaturen langsam an. Doch der Wechsel ist nicht abrupt. Der Frühling bleibt eine Zeit des Übergangs, in der die Natur zwischen Kälte und Wärme, Ruhe und Bewegung schwankt.
Der allmähliche Temperaturanstieg sorgt dafür, dass der Boden auftaut, die Feuchtigkeit in der Luft zunimmt und die Pflanzen zu sprießen beginnen. Die zunehmende Sonneneinstrahlung regt nicht nur das Wachstum der Vegetation an, sondern beeinflusst auch den Biorhythmus der Tiere und Menschen. Wir spüren den natürlichen Drang nach Bewegung, nach mehr Aktivität und nach Veränderung.
Gleichzeitig ist diese Übergangszeit nicht ohne Herausforderungen. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind oft noch groß, und der Körper muss sich erst an die neuen klimatischen Bedingungen gewöhnen. Während die Natur den Winter langsam abschüttelt, benötigt auch der Mensch eine Anpassungsphase.
Der Donner als Symbol des Frühlingswandels
Traditionell galt es als Glaube, dass der erste Frühlingsdonner die in der Erde schlummernden Insekten aufweckt. Doch in Wahrheit ist es nicht der Donner selbst, sondern die stetig steigenden Temperaturen, die sie aus ihren Winterverstecken locken. Dennoch bleibt der Donner ein kraftvolles Symbol für die Energie des Frühlings – er durchbricht die Stille des Winters und kündigt das Erwachen des Lebens an.
In der chinesischen Philosophie wird der Donner mit plötzlicher Veränderung in Verbindung gebracht. Ähnlich wie er den Himmel erzittern lässt, sorgt auch der Frühling für eine spürbare innere Unruhe. Diese Phase kann besonders für empfindliche Menschen herausfordernd sein: Schlafmuster verändern sich, der Körper fordert mehr Bewegung, die Emotionen werden intensiver.
Jīngzhé erinnert uns daran, dass Wandel oft laut und plötzlich ist – so wie der Donner, der aus heiterem Himmel kommt und das Alte vertreibt, um Platz für Neues zu machen.
Der Wind als Zeichen des Frühlingswandels
Nicht nur der Donner, auch der Wind wird in dieser Zeit stärker. Er fegt über die Felder, trägt Samen, Blütenpollen und manchmal auch Krankheitserreger mit sich. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird Wind als Träger von äußeren Krankheitserregern betrachtet. Er steht für Bewegung, Veränderung, aber auch für Unruhe und Störungen.
Der Wind bringt nicht nur den Frühling, sondern kann auch das Immunsystem herausfordern. Er trägt Pollen, Erkältungs- und Grippeviren sowie Aerosole über weite Strecken. Viele Menschen reagieren in dieser Zeit empfindlich: Allergien, Heuschnupfen, gereizte Schleimhäute und Atemwegsinfekte treten vermehrt auf.
Das Huang Di Nei Jing, eines der ältesten Werke der chinesischen Medizin, empfiehlt, sich vor plötzlichen Winden zu schützen, insbesondere den Nacken und Kopf warm zu halten. Besonders an warmen Frühlingstagen, wenn die Sonne zum Ablegen der Jacke verführt, kann der Wind schnell in den Körper eindringen und Unwohlsein oder gar Erkältungssymptome hervorrufen. Daher gilt: Angemessene Kleidung und ein bewusster Schutz vor Zugluft sind in dieser Zeit besonders wichtig.
Wie wir uns während Jīngzhé schützen können – Die Ratschläge des Huang Di Nei Jing
Das Huang Di Nei Jing (der „Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin“) gibt konkrete Empfehlungen, wie man sich im Frühling verhalten und kleiden sollte, um im Einklang mit der Natur zu leben und die Gesundheit zu stärken. Diese Ratschläge basieren auf den Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und betonen die Anpassung an die energetischen Veränderungen der Jahreszeiten.
- Frühes Aufstehen und Aktivität:
- Der Frühling ist die Zeit, in der man früher aufstehen sollte, um sich dem Rhythmus der Natur anzupassen. Das frühe Aufstehen hilft, das Yang-Qi zu aktivieren und die Energie des Tages optimal zu nutzen.
- Bewegung an der frischen Luft, wie Spaziergänge oder sanfte Übungen wie Tai Chi oder Qi Gong, fördert den Fluss des Qi und stärkt die Leber, das Organ, das dem Frühling in der TCM zugeordnet ist.
- Lockere Kleidung und Schutz vor Wind:
- Das Huang Di Nei Jing empfiehlt, im Frühling lockere und bequeme Kleidung zu tragen, die den Körper nicht einengt. Dies symbolisiert die Entfaltung und Ausdehnung, die der Frühling mit sich bringt.
- Gleichzeitig warnt es davor, sich zu früh zu leicht zu kleiden. Der Frühling ist eine Zeit des Übergangs, und die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht können den Körper belasten. Besonders der Nacken und der Kopf sollten vor Wind geschützt werden, da Wind in der TCM als Träger von äußeren Krankheitserregern gilt.
- Haare lösen und Energiebahnen öffnen:
- Das Kämmen oder Lösen der Haare am Morgen ist eine wichtige Praxis im Frühling. Es symbolisiert die Öffnung und Entfaltung der Energiebahnen (Meridiane) und fördert den Fluss des Qi. Dies hilft, Blockaden zu lösen und die Energie des Frühlings aufzunehmen.
- Emotionale Ausgeglichenheit:
- Der Frühling ist dem Holz-Element und der Leber zugeordnet. In der TCM wird die Leber mit Emotionen wie Wut und Frustration in Verbindung gebracht. Das Huang Di Nei Jing empfiehlt, im Frühling besonders auf emotionale Ausgeglichenheit zu achten. Meditation, bewusste Atmung und Entspannungstechniken können helfen, die Leberenergie harmonisch zu halten.
- Ernährung im Einklang mit dem Frühling:
- Die Ernährung sollte im Frühling leicht und belebend sein, um das aufsteigende Yang-Qi zu unterstützen. Bittere und grüne Lebensmittel wie Löwenzahn, Spinat und Sprossen reinigen den Körper und stärken die Leber. Gleichzeitig sollten schwere und fettige Speisen vermieden werden, um die Verdauung nicht zu belasten.
- Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit:
- Obwohl die Temperaturen steigen, warnt das Huang Di Nei Jing davor, sich zu früh der Kälte auszusetzen. Der Körper ist nach dem Winter noch geschwächt, und das Wei-Qi (die Abwehrkraft) ist noch nicht vollständig an der Oberfläche. Daher ist es wichtig, sich warm zu halten, besonders in den kühleren Morgen- und Abendstunden.
Ernährung während Jīngzhé – Den Körper sanft in den Frühling begleiten
Mit Jīngzhé beginnt der mittlere Monat des Frühlings, eine Zeit des Wandels, in der sich auch die Ernährungsbedürfnisse des Körpers anpassen. Die kalten Wintermonate haben den Körper oft mit schwereren, wärmenden Speisen versorgt. Nun benötigt er jedoch leichtere, bekömmliche Kost, die ihn nicht belastet, aber dennoch das aufsteigende Yang-Qi unterstützt.
Erwärmende und belebende Lebensmittel
Während die Temperaturen steigen, ist der Frühling noch nicht vollständig stabil. Deshalb sind sanft erwärmende Lebensmittel ideal, um die Körperoberfläche zu schützen und den Übergang in die wärmere Jahreszeit zu erleichtern. Dazu gehören:
- Lauch, Zwiebeln, Schnittlauch und Frühlingszwiebeln, die mild anregend wirken und das Immunsystem stärken.
- Ingwer und Knoblauch, die das Verdauungssystem unterstützen und Kälte ausleiten.
- Bambussprossen, die in der chinesischen Küche als besonders wertvoll gelten, da sie überschüssige Feuchtigkeit ableiten und den Körper reinigen.
Stärkung der Milz und Verdauung
Die Stärkung der Milz im Frühling spielt in der TCM eine zentrale Rolle für die Verdauung und die Umwandlung von Nahrung in Qi. Damit sie nicht durch den Wechsel der Jahreszeit belastet wird, empfiehlt sich eine Ernährung, die leicht verdaulich ist und keine Feuchtigkeit im Körper staut. Gut geeignet sind:
- Hirse, Hafer, Reis und Gerste, die die Milz nähren und gleichzeitig überschüssige Feuchtigkeit ausleiten.
- Karotten, Kürbis und Süßkartoffeln, die sanfte Süße mitbringen und die Mitte stärken.
Fasten und der bewusste Umgang mit der Ernährung
In dieser Zeit entscheiden sich viele Menschen bewusst für eine Fastenperiode, um den Körper zu entlasten und sich auf die neue Jahreszeit einzustimmen. Doch eine ausgewogene Ernährung ist in dieser Jahreszeit besonders wichtig, da sie das Gleichgewicht des Körpers unterstützt. Zu starkes Fasten oder eine zu karge Ernährung können das Qi schwächen und das aufsteigende Yang ins Wanken bringen, wodurch der Körper anfälliger für äußere Einflüsse wird. Stattdessen empfiehlt sich eine sanfte Umstellung mit leicht verdaulichen, nährenden Speisen. Ein Omelett mit frischen Kräutern aus dem Garten oder eine warme Brühe mit Gemüse und Gewürzen sind wohltuend und stärkend zugleich.
Frische und grüne Lebensmittel für die Leber
Der Frühling ist in der Fünf-Elemente-Lehre dem Holz-Element und damit der Leber zugeordnet. Um Stagnation in der Leber zu vermeiden, sind bittere und leicht saure Lebensmittel förderlich, aber nur in Maßen, damit sie die Milz nicht schwächen. Empfehlenswert sind:
- Blattgemüse wie Spinat, Mangold oder Löwenzahn, die den Körper reinigen und die Leber in ihrer Funktion unterstützen.
- Sprossen, die das aufstrebende Yang symbolisieren und die Frühlingsenergie des Körpers aktivieren.
- Zitronen, Grapefruits und Essig in kleinen Mengen, die den Leberfluss anregen.
Die Zeichen des Frühlings in der Natur
Die Natur gibt uns in dieser Zeit drei klare Zeichen für den Fortschritt des Frühlings:
- Táo shǐ huá (桃始華) – Die Pfirsichbäume beginnen zu blühen und leuchten in zartem Rosa.
- Cāng gēng míng (倉庚鳴) – Die Pirole beginnen zu singen und verkünden mit ihrem Ruf die neue Jahreszeit.
- Yīng huà wéi jiū (鷹化爲鳩) – Der Falke verwandelt sich in eine Taube – eine Metapher für die Wandlung der Natur.
Jīngzhé steht für das plötzliche Erwachen des Frühlings, für Bewegung und Veränderung, und markiert den Beginn einer Zeit der Vorbereitung auf die kommenden Monate. Der Donner, auch wenn er nicht die Insekten direkt aus der Erde rüttelt, bleibt ein Symbol für die Energie, die sich entfaltet – in der Natur, im Körper und im Geist. Der Frühling ist nun endgültig da.
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